Rezension: Headhunter (von Jo Nesbø)

15 09 2010
Headhunter

Headhunter

gelesen von Juliane Rusche

Worum geht’s?

Roger Brown ist ein erfolgreicher Headhunter mit schöner Frau und Riesenvilla, der jedoch ein Geheimnis hat: Seinen Lebensstil finanziert er sich durch den Diebstahl wertvoller Gemälde. Die Opfer sind seine Klienten, denen er in geschickten Verhören nicht nur Details zu ihrem Berufsleben, sondern auch zu ihren Besitztümern entlockt. Bislang wähnte er sich allen Mitmenschen überlegen – doch in dem zwielichtigen Geschäftsmann Clas Greve findet er einen ebenbürtigen Gegner. Zunächst glaubt Brown, der Konkurrent schlafe lediglich mit seiner Gattin; doch nach und nach erkennt er, dass es um sehr viel mehr geht. Und so findet sich Roger Brown schon bald in der Rolle des Gejagten wieder, den gnadenlosen Greve dicht auf seinen Fersen.

Und, wie war’s?

Normalerweise schickt Jo Nesbø den alkoholkranken Kommissaren Harry Hole auf die Jagd nach Norwegens Schwerverbrechern. In „Headhunter“ aber ist alles anders – und das ist zunächst gewöhnungsbedürftig. Statt eines misanthropischen Trinkers präsentiert der Bestsellerautor einen selbstverliebten Lebemann. Obendrein ist der Thriller aus der Perspektive dieses arroganten Kerls geschrieben, was den Tonfall bisweilen unerträglich macht.

Dass der 50-jährige Nesbø große Freude am Konstruieren dieser Geschichte hatte, ist ganz offensichtlich. Nach leichten Anlaufschwierigkeiten bringt fast jedes Kapitel eine neue Wendung mit sich, jede auftretende Person könnte Freund oder Feind sein, und bis zur letzten Seite bleibt unklar, ob Brown die Hetzjagd überleben wird. Wer großen Realismus und absolute Logik schätzt, wird von diesem Roman enttäuscht sein; der zunehmend rasante Plot weist an einigen Stellen üble Ungereimtheiten auf. Zudem baut Nesbø viele Passagen ganz unverblümt nur wegen des Ekelmoments ein; so lässt er seinen „Helden“ in einem Plumpsklo auf Tauchgang gehen. Nichtsdestotrotz packt und unterhält das Buch – und obwohl ich an vielen Stellen den Kopf geschüttelt und mich gefragt habe, was das nun wieder soll, habe ich den Roman schlussendlich in kürzester Zeit durchgelesen.

Auch wenn sich sagen lässt, dass die Harry-Hole-Reihe alles in allem viel besser, detailreicher und liebevoller arrangiert ist, muss man Jo Nesbø zugestehen: Er kann mehr als den brummigen Einzelgänger. Möglicherweise wollte er mit „Headhunter“ genau das beweisen.

Headhunter, Jo Nesbø
Ullstein, 301 Seiten, 14,95 Euro, ISBN 978-3-548280454

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One response

20 03 2012
Reto Derungs

Gut ausgedacht, sehr gute Hintergrundinformationen auf ansprechendem Niveau, das Ambiente stimmt und stimmt ein. Spannender Mittelteil. Aber gegen den Schluss wird’s verkrampft, gekünstelt. Die Lösung des Dramas ist ein hilfloser, konstruierter Klimmzug, die Geschichte doch noch zu einem Happy-End zu wursteln. Schade. Guter Ansatz, flott vorangetrieben, elendiglich abgewürgt.

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