
Winnetou I (May)
gelesen von Astrid Walter
Worum geht’s?
Der junge, deutsche Lehrer Karl (Karl May als Ich-Erzähler) reist in die USA, um in St. Louis als Hauslehrer zu arbeiten. Da er schnell beweist, dass er nicht nur geistig sondern auch körperlich ungewöhnlich fit ist, wird er von einer Eisenbahngesellschaft angeheuert, um eine der ersten Eisenbahnrouten durch den Wilden Westen zu vermessen.
Schnell zeigt sich, dass Karl, das unerfahrene “Greenhorn”, besser mit Pferden, Waffen, Büffeln und Ganoven umzugehen weiß, als die eigentlich ihn beschützenden “Westmänner”. Bald wird er von allen nur noch “Old Shatterhand” genannt, weil es ihm immer wieder gelingt, nur mit dem Schlag seiner Faust Männer niederzustrecken. Er lernt Winnetou kennen, einen stolzen Apatchen, der im Verlauf des Buches Häuptling wird. Nach einigen Verwirrungen werden die beiden Blutsbrüder.
Doch die Freundschaft bringt Winnetou Unglück. Seine bildhübsche Schwester Nscho-tschi verliebt sich in Old Shatterhand und will in den Städten des Ostens das Leben der weißen Frauen lernen, damit Old Shatterhand sie auch lieben kann. Auf dem Weg dorthin werden Nscho-tschi und ihr Vater von Gängstern erschossen. Winnetou schwört Rache und so haben er und sein Blutsbruder noch einige gefährlichen Kämpfe gemeinsam durchzustehen.
Und, wie war’s?
Im zarten Alter von zehn oder elf Jahren habe ich Karl May für mich entdeckt. Damals fand ich die Geschichten der tapferen Männer im Wilden Westen so spannend, dass ich Sonntagsmorgens zu meinem Vater ins Bett kroch und ihm daraus vorlas, weil auch er an diesem tollen Buch teil haben sollte. Meine Mutter stand freiwillig früher auf – was ich aus heutiger Sicht auch gut verstehen kann, denn 16 Jahre später habe ich Winnetou I nun erneut gelesen und muss zugeben, dass einige Passagen für Erwachsene doch schwer zu ertragen sind.
So ist der tapfere, unglaublich starke und kluge Old Shatterhand aus heutiger Sicht ein fürchterlich anstrengender und nervtötend selbstüberzeugter Besserwisser. Die Indianer (mit Ausnahme mal von Winnetou und seiner Familie) werden als naive Dummköpfe geschildert, deren liebstes Wort “Uff” als Ausdruck des ständigen Erstaunens ist. Und die Kämpfe kamen mir nicht mehr annähernd so spannend vor wie früher, denn zum einen gehen sie relativ schnell vorüber, und zum anderen steht ja sowieso immer schon vorher fest, dass der großartige Old Shatterhand nur gewinnen kann.
Trotzdem, Winnetou ist ein großartiges Buch – für kleine Jungs und Mädchen, die nach dem Lesen raus rennen, um selbst Indianer zu spielen. Mir hat es jedenfalls einen ersten Eindruck des Wilden Westens vermittelt und obwohl bestimmt nicht alles darin historisch oder auch nur landschaftlich korrekt ist, habe ich doch bis heute den Eindruck, dass ich daraus mehr über die Zeit der Kämpfe von Weißen gegen Indianer erfahren habe als in der Schule.
Unschlüssig bin ich, ob sich Erwachsene noch daran machen sollten, falls sie die Winnetou-Bände als Kinder nicht gelesen haben. Einerseits waren einige Charaktere für mich wirklich nur mit konstantem Kopfschütteln zu ertragen. Andererseits ist der Name Winnetou weltweit ein Begriff, und ich bin ganz froh, dass ich damit nicht nur das Gesicht von Pierre Briece oder gar Bully verbinde.
Winnetou I. Gesammelte Werke 07. Karl May
Karl-May-Verlag, 567 Seiten, 17,90 Euro, ISBN 3-78-020007-4