Rezension: Mitten ins Gesicht (von Kluun)

15 05 2009

gelesen von Michele Rassinger

 

Mitten ins Gesicht (Kluun)

Mitten ins Gesicht (Kluun)

Worum geht’s?

Stijn und Carmen sind Anfang 30 und haben eine hübsche kleine Tochter. Beide sind beruflich sehr erfolgreich mit eigenen Firmen und genießen ihr Leben in vollen Zügen. Bis bei Carmen Brustkrebs diagnostiziert wird. Ihre Überlebenschancen stehen schlecht. Carmen muss qualvolle Wochen Chemotherapie durchstehen, doch nach der anschließenden Operation gibt es wieder Hoffnung. Bis der Krebs erneut zuschlägt.
Für Stijn ist dies eine schier unerträgliche Zeit. Er will seiner Frau bei allem, was auf sie zukommt, beistehen und ihr Leiden mittragen, doch er fühlt sich völlig überfordert. Seine Angst versucht er mit Alkohol, Drogen und Frauen zu betäuben.

Und, wie war’s?

Ernüchternd. „Mitten ins Gesicht“ ist eine schonungslos offene und ehrliche autobiografische Erzählung. Raymond van de Klundert verzichtet auf herzergreifende Betroffenheit, sondern wirft dem Leser die Fakten mitten ins Gesicht: Krebs zerstört nicht nur den Patienten, sondern nimmt auch den Angehörigen einen Teil ihrer selbst.

Der Ich-Erzähler Stijn weckte bei mir während des Lesens nur Abscheu und Unverständnis. Während seine Frau unglaubliche Qualen durch diese schmerzhafte Krankheit erleidet und mit ansehen muss, wie sie selbst immer mehr zerfällt, treibt sich Stijn bis in die Morgenstunden in Clubs, Bars und Betten fremder Frauen herum und rechtfertigt dies vor sich selbst damit, dass es ihm neuen Lebensmut gibt. Im Nachhinein und objektiv betrachtet, hat vermutlich genau dieses egoistische Verhalten ihm die Kraft gegeben, die jahrelangen Qualen mit seiner Frau zusammen durchzustehen, sie bei jedem Krankenhaustermin zu begleiten und am Ende weder Scham noch Scheu davor zu haben, sie zu säubern und zu versorgen.

Die Sprache ist chlicheehaft männlich: Vergleiche im Leben werden zu Fußballspieler und deren Vereine gezogen und Frauen werden nach der Größe ihrer Oberweite beurteilt. Hintergrundinformationen zu Lokalen, Firmen, Freunden, etc. werden in Textboxen in die Geschichte erläuternd eingefügt. Originell ist die Idee, die Kapitel mit passende Zitate aus Songs zu beginnen.

Thematisiert wird nicht nur der Krebs, sondern auch die Sterbehilfe, die in den Niederlande als eines von wenigen europäischen Ländern noch legal ist. Gerade aus diesem Aspekt heraus finde ich diesen Roman äußerst wichtig.

Mit seiner Authentizität und erschütternden Ehrlichkeit ist „Mitten ins Gesicht“ ganz gewiss keine leichte Lektüre, aber ein durch und durch bewegender Roman, den man so schnell nicht vergessen kann.

Wie das Leben von Stijn und seiner Tochter Luna nach Carmens Tod weitergeht, erfährt man in „Ohne sie„.

Mitten ins Gesicht, Kluun
Fischer Tb., 368 Seiten, 8,95 €, ISBN 3596169119


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30 05 2009
Rezension: Ohne sie (von Kluun) « Leselust

[…] “Mitten ins Gesicht” erzählte von Carmens Krebserkrankung und die Auswirkungen auf ihren Mann Stijn und deren kleine Tochter Luna. Diese Zeit war geprägt von Leid, Schmerz und Angst. Doch sie haben es irgendwie durchgestanden. Nun ist Carmen tot und Stijn und Luna müssen ohne sie auskommen. Stijn bewältigt dieses neue Problem wie schon zuvor: mit Sex, Alkohol und diesmal auch Drogen. Für Luna nimmt er sich zwischendrin mal etwas Zeit, aber weder gibt er ihr die nötige Aufmerksamkeit noch die Liebe und Zuwendung, die dieses kleine Mädchen nach dem Tod ihrer Mutter bräuchte. […]

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