Rezension: Wunschloses Unglück (von Peter Handke)

8 04 2010

gelesen von Michele Rassinger

Wunschloses Unglück (Peter Handke)

Wunschloses Unglück (Peter Handke)

Worum geht’s?

Den Selbstmord seiner Mutter nimmt Peter Handke als Anlass, über ihr Leben zu schreiben. Er schildert dem Leser, aus welch  einfachen Verhältnissen sie stammt und dass dem Zeitgeist der 40er und 50er Jahre entsprechend ihr Lebenszweck bereits vorherbestimmt war: fürsorgliche Mutter, pflichterfüllende Hausfrau und fügsame Ehefrau. Lebenslust gepaart mit eigenem Wille, eigenen Interessen, Individualität im Allgemeinen hatten da einfach keinen Platz.
Ihre immer wieder aufkeimende innere Rebellion und die darauffolgenden Enttäuschungen bereiten ihr letztlich starke körperliche Schmerzen. Das Ende ihres Leids und damit die langersehnte Befreiung sieht sie schließlich nur noch im Suizid.

Und, wie war’s?

„Wunschloses Unglück“ hatte ich durch Zufall in einer Kiste mit Schulbüchern entdeckt und konnte mich absolut nicht daran erinnern, dieses Buch jemals gelesen zu haben. Meine Neugier war geweckt. Allzu schnell wurde mir wieder bewusst, warum ich  die meisten Schulbücher nicht vor dem Schlafengehen lesen konnte: Sie sind alles andere als leichte Kost. So auch dieses Werk von Peter Handke.

Die Erzählweise ist kalt, distanziert und absolut sachlich. Die Sprache wirkt hart und ungelenk. Handke ist krampfhaft darauf bedacht, seine eigene Geschichte nicht mit in die Erzählung einfließen zu lassen, sondern wirklich nur das Leben seiner Mutter zu schildern. Das machte es für mich aber sehr unnahbar und nüchtern und berühte mich in keinster Weise.

Man kann sicherlich einiges in diese Geschichte hineininterpretieren und versuchen, Mitleid für Handkes Mutter zu finden, die nie die sein durfte, die sie sein wollte und daran letztlich zerbracht. Oder auch für Handke selbst, der einerseits mit dem Selbstmord seiner Mutter nicht klar kam und offensichtlich große Schuldgefühle haben musste, nicht mehr für seine Mutter dagewesen zu sein. Aber das alles bewirkt nicht die Erzählung, sondern ein krampfhafter Versuch, etwas Gefühl daraus zu ziehen.

Wunschloses Unglück, Peter Handke
89 Seiten, Suhrkamp, 6,50 €, ISBN 3518397877


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5 responses

10 04 2016
Sophia Höretzeder

Ich habe das Buch ebenfalls gelesen und kann Ihnen in keinster Weise zustimmen. Sie behaupten, Handkes Sprache wirke hart und ungelenk. Das kann das natürlich ihre Meinung dazu sein und ja – das Buch ist natürlich nicht sehr einfach zu lesen. Außerdem beteuert Handke immer wieder, dass er versucht hat sachlich zu bleiben. Er wollte nicht, dass die Erinnerung an seine Mutter durch philosophische Floskeln verfälscht würde. Das heißt jedoch nicht, dass es Handke nicht geschafft hat, eine Balance zwischen objektiven Beobachtungen und subjektivem Empfinden zu finden. Auch wenn er diverse Teile in einem objektiven Stil schreibt – wie es bei Biographien üblich ist – berührt er einen dennoch mit seinen Gedanken und Erinnerungen, die ebenfalls in diesem Buch vorkommen. Man bekommt das Bedürfnis, sich neben diese Frau zu setzen, sie in den Arm zu nehmen, ihr sagen zu wollen, alles würde gut werden.

Wenn man nun auf der Suche nach einem Buch ist, das einem den Alltag versüßt und zu Tagträumen anregen soll, ist man bei diesem Werk sicher falsch. Es ist nichts für jemanden, der nicht gerne über das Leben philosophiert und nachdenkt. Ich hätte allerdings gehofft, es wäre wenigstens ein Denkanstoß für einige, damit anzufangen. Wenn man dann aber nicht versucht sich in diese Situation hineinzuversetzen um einen Bezug herzustellen, sondern nur „Mitleid“ empfindet anstatt „Mitgefühl“ und versucht irgendwelche Gefühle zu erzwingen, dann hat man den Sinn dieses Buches nicht verstanden – es tut mir leid. Denn eigentlich sollte man nach dem Lesen dieses Buches – wie so oft im Leben – dastehen und sich denken: „Mach was daraus“ und Bücher die das schaffen, haben es definitiv verdient gelesen zu werden, denn es gibt nicht viele davon.

4 05 2010
Michele Rassinger

Lieber Manfred,

prinzipiell freue ich mich ja über jeden Kommentar, weil ich es gut finde, wenn man sich im digitalen Zeitalter noch mit dem guten alten Buch beschäftigt. Allerdings muss man ja nicht gleich so beleidigend werden, nur weil man eine andere Meinung vertritt.

Zum Glück hat man nicht immer die gleiche Meinung zu Büchern, sonst würde es wohl nur einen langweiligen Einheitsbrei geben und Blogs wie dieser wären überflüssig.

Viele Grüße
Michele

4 05 2010
Manfred Friedrich

eine unglaublich schlechte rezension. du hast nichts aber wirklich gar nichts vom buch und diesem leid verstanden. keine interpretation ist nötig. nur genaues lesen. ich hoffe deine rezension erreicht niemanden denn handke hat diesen zustand der inneren leere und dieses gefühl nach einem selbstmord einer nahestehenden person sehr genau getroffen. sehr präzise, kompakt und dicht. in einem punkt sind wir uns einig, es ist keine leichte kost.

14 04 2010
Richard K. Breuer

Meine Güte, das Buch war deprimierend. Wir haben es in der Oberstufe lesen müssen und ich dachte mir, was muss dieser Handke für ein armer Kerl gewesen sein. Na, mit der Zeit und den Lebenserfahrungen sieht man die Literatür ein bisserl anders.

8 04 2010
MICHAEL ROLOFF

Ja das stimmt, WUNSCHLOSES UNGLUECK ist auesserst sachlich. In seinem 2007 Roman, Morawische Nacht hat Handke eienen Traum als der angebliche „ehemalige“ Schriftsteller in Griffen ankommt, in dem ihn die Mutter von der Schuld freispricht, ein Wunsch vielleicht. Aber letztes Jahr in einem Gespraech mit Weinzierl in Die Welt sagte er er haette die Mutter eigentlich oefters zu der Zeit gesehen, und was ihr besonders das Herz bedrueckte war die Zurueckkehr ihres Mannes, diesem brutalen Bruno Handke… der zu der Zeit noch auf einem TB Sanatorium war. Also hat niemand and Scheidung oder Entzweiung damals gedacht also moegliche Loesung des Problems? Hier ein Haufen Links zu Handke Sachen im Web: „A most remarkable prose poem that ought to be read at the rate it was written,
about three pages a day,“
Friedrich Nietzsche

http://handke–revista-of-reviews.blogspot.com/

DON JUAN REVIEW

(short version)

“By the way, he told me later, if one refrained from looking directly at a thing and instead just brushed it with a glance, the image could burn itself into one’s retina in a way that no purposeful observation or contemplation could.“

What a marvelous book! An aging reclusive restaurateur, gripped by the blues, dreams of an orgy, of the return to “womantime” – the erotic connection to the world and time and being seemingly forever: “I want a Bird” the dream begins, elicited by a pornographic fantasy; promptly “a sparrow” alights on a hazel stick lance, “Ich will vögeln” it says in dream language, and there he is: Don Juan! Through the “breach” in the wall.
There was a time that Handke belittled “magic realism” – from his customary envy I imagine – and here he is more magical than any of them in transposing his interiority, his libido, into a playful many layered… into a real motherfucker of a book, oh and what dark sides this imagined Don has. – And not one single reviewer in the English language knows how to read! Don’t burn books, burn reviewers, don’t even bother putting them on a stake! Handke’s subsequent novel, the 2006 Kali is even more ambitious and an equally magical opera film – not that I haven’t half a dozen minor quarrels with Don Juan, oh and isn’t it ever so unfortunate that the second novel after Don Juan, the 2008 Moravian Nights, isn’t as multi-dimensionally composed as the formally so perfect Don Juan, a book that Thomas Mann would have envied! What reading experiences Handke continues to provide!…

ctd. 2: http://handke–revista-of-reviews.blogspot.com/

.MICHAEL ROLOFF
http://www.facebook.com/mike.roloff1?ref=name

Member Seattle Psychoanalytic Institute and Society

This LYNX will LEAP you to my HANDKE project sites and BLOGS
http://www.handke.scriptmania.com/favorite_links_1.html

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„Degustibus disputandum est.“ Theodor Wiesenthal Adorno
„May the foggy dew bediamondize your hoosprings + the fireplug
of filiality reinsure your bunghole! {James Joyce}
„Sryde Lyde Myde Vorworde Vorhorde Vorborde.“ [von Alvensleben]
„Siena me fe, disfescimi Maremma.“ [Dante]
„Ennui [Lange Weile] is the dreambird that hatches the egg of
experience.“ Walter Benjamin, the essay on Leskov.

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