Rezension: Der Tag, an dem meine Tochter verrückt wurde (von Michael Greenberg)

10 05 2010
gelesen von Michele Rassinger

Der Tag, an dem meine Tochter verrückt wurde (Michael Greenberg)

Der Tag, an dem meine Tochter verrückt wurde (Michael Greenberg)

Worum geht’s?

Sally ist erst 15, als sie in die Psychiatrie eingeliefert wird. Für ihren Vater Michael und ihre Stiefmutter Pat kommt ihr Zusammenbruch so plötzlich, dass sie die Diagnose erst gar nicht fassen können. Doch Sallys Manie ist so ausgeprägt, dass sie sie nicht verleugnen können. Von nun an ist kein Tag wie der andere. Michael muss sich jeden Tag aufs Neue innerlich gegen alles wappnen, wenn er seine Tochter in der Psychiatrie besucht. Nach einigen Wochen kann Sally mit starken Psychopharmaka entlassen werden. Auf ihrem Verhaltensplan stellen 15 Minuten alleine spazieren gehen den ersten großen Schritt auf ihrem Weg zurück in ein „normales“ Leben dar.

Und, wie war’s?

Michael Greenbergs Bericht ist nicht leicht zu lesen. Dies liegt gewiss nicht an der Sprache, denn diese ist angenehm und einfühlsam. Es liegt an diesem schwierigen, bewegenden und traurigen Thema. Die Tatsache, dass der Autor davon berichtet, was er am eigenen Leibe erlebt hat, machte mich beim Lesen sehr betroffen und mir bewusst, dass dies keine tragisch-erfundene Geschichte ist.

Dass das Leben manchmal schlimmer als eine fiktive Geschichte sein kann, zeigt Greenbergs Familiengeschichte. Denn nicht nur seine Tochter verfällt der Manie, sondern auch sein jüngerer Bruder leidet an einer Störung, durch die er sich von seinem sozialem Umfeld, aber auch von sich selbst stark absondert. Greenbergs Lebensumstände machen es ihm auch nicht gerade leichter: ohne festen Job lebt er von seinem schriftstellerischen Können mehr schlecht als recht, kann sich keine Krankenversicherung leisten und steht vor dem Problem, seine Wohnung – die er nach seiner Scheidung ohne Mietvertrag von einem Bekannten überlassen bekommen hat – räumen zu müssen.

Mich hat vor allem die Angst sehr erschüttert, die Sally nach ihrer Manie hat: sie fürchtet sich jeden Tag in jeder Situation davor, dass die Manie sie wieder überfällt, dass sie nicht weiß, wann ihr Verstand funktioniert und wann er ihr einen Streich spielt. Diese Ungewissheit, ob und wann man wieder „verrückt“ wird und die Angst vor sich selbst ist wohl die schlimmste, die man haben kann.

Der Tag, an dem meine Tochter verrückt wurde, Michael Greenberg
Hoffmann und Campe, 288 Seiten, 19,95 €, ISBN 3455500374


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