Rezension: Das finstere Tal (von Thomas Willmann)

24 08 2010

Das finstere Tal

Das finstere Tal

gelesen von Juliane Rusche

Worum geht’s?

Ein Mann namens Greider erreicht auf seinem Maultier Ende des 19. Jahrhunderts ein abgeschiedenes Hochtal in den Alpen. Die wenigen Bewohner begegnen dem Fremden, der sich als Maler ausgibt, mit Ablehnung. Er soll so schnell wie möglich wieder abreisen, denn bald bricht der Winter ein, und ab dann ist das Dorf für mehrere Monate von der Außenwelt abgeschnitten. Doch Greider kann für sein Quartier bezahlen, gut bezahlen. Und so entscheidet der älteste Sohn des mächtigen Brenner-Bauern, dass der seltsame Fremde bleiben darf. Sie bringen ihn im Haus der Witwe Gader und ihrer Tochter Luzi unter, zwei zurückhaltenden, aber freundlichen Frauen. Schnell gewöhnen sich die Dörfler an die Anwesenheit des Greider, und das harte und freudlose Leben nimmt seinen gewohnten Gang. Bis kurz nacheinander zwei Söhne des Brenner-Bauern bei tragischen Unfällen ums Leben kommen – und die Hochzeit der jungen Luzi zu einem blutigen Racheakt gerät.

Und, wie war’s?

„Das finstere Tal“ ist ein außergewöhnliches Buch – thematisch, handwerklich und auch in Bezug auf Zeit und Raum der Geschichte. Doch es braucht ein bisschen, bis man die Qualitäten des Romans so richtig registrieren kann. Denn im ersten Drittel seines Debüts verliert Thomas Willmann sich immer wieder in ausufernden Landschafts- und Personenbeschreibungen, während ansonsten kaum etwas passiert. Selbst die Unfälle, bei denen zwei junge Männer ums Leben kommen, ereignen sich fast nebenbei und fügen sich ins malerisch-bedrückende Setting.

Erst nach und nach und ganz subtil verleiht der Münchner Musikwissenschaftler, Journalist und Übersetzer dem zu Anfang konturlosen Greider ein Profil. Parallel fügen Rückblenden der bis dahin an klassischer Heimatliteratur orientierten Geschichte einen harten Schnitt zu: Plötzlich wechselt Willmann in detaillierte Beschreibungen einer Menschenfolter, offenbart die Grausamkeit der zurückhaltenden Bergbewohner. Ab hier mutiert „Das finstere Tal“ zu einem perfekt komponierten Rachethriller, einer zeitlosen Sozialstudie, einer Reise in eine Welt, in der fürs Überleben einiges geopfert werden muss. Plötzlich ergeben auch die adjektivreichen Beschreibungen des Romanbeginns einen Sinn: Die düstere Landschaft, die einfältigen Menschen, das harte Leben und die freudlose Atmosphäre hätten von Anfang an erahnen lassen können, dass hier einiges brodelt. Wer die ersten langatmigen Seiten des Buches übersteht, wird von Thomas Willmann also fürstlich belohnt – mit einer glaubwürdig grausamen Geschichte, die ebenfalls überstanden werden will.

Das finstere Tal, Thomas Willmann
Liebeskind, 320 Seiten, 19,80 Euro, ISBN 978-3935890717

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