Rezension: Aprilgewitter (von Iny Lorentz)

27 08 2010

Aprilgewitter

Aprilgewitter

gelesen von Astrid Walter

Worum geht’s?

Das Leben in Berlin gestaltet sich für Fridolin und Lore von Trettin schwieriger als gedacht. Während Fridolin im Bankhaus Karriere macht, ignoriert die feinere Gesellschaft Lore. So verbringt das Paar immer weniger Zeit miteinander, schließlich glaubt Lore sogar das Gerücht, Fridolin wolle sich von ihr scheiden lassen, um die Tochter des Bankdirektors zu heiraten. Als Fridolin Opfer einer Intrige wird und im Gefängnis landet, setzt seine Frau sich trotzdem für ihn ein.

Und, wie war’s?

Vor einigen Jahren habe ich „Die Kastellanin“ von Iny Lorentz gelesen und, soweit ich mich erinnern kann, mochte ich den Roman gerne. Auf die Lektüre von „Aprilgewitter“ habe ich mich entsprechend gefreut. Doch das wandelte sich schnell in Enttäuschung, denn als Leser habe ich mich nicht für voll genommen gefühlt. Entweder, das Autorenpaar Iny und Elmar Lorentz hat selbst ständig vergessen, welche Informationen schon gegeben wurden, und sich deshalb laufend wiederholt. Oder sie sind davon ausgegangen, dass ich als Leserin mir über fünf Seiten nicht merken kann, wer wem Hörner aufsetzt. Übrigens auch jedes mal in genau dieser Ausdrucksweise, was nicht gerade für sprachliche Vielfalt spricht. Auch werden die Beweggründe für jede, wirklich jede, Handlung der Hauptfiguren so ausführlich dargelegt und erklärt, dass der Leser sich jegliche eigene Interpretation sparen kann.

Reichlich eigene Fantasie muss man dagegen aufbringen, wenn es um das Leben in Berlin zum Ende des 19. Jahrhunderts geht. Darüber habe ich nämlich nur erfahren, dass die Damen damals nicht viel zu sagen hatten und Kleider trugen, dass die Herren gerne ins Bordell gingen und ohne Militärdienst geleistet zu haben nicht für voll genommen wurden, und dass alle sich mit Kutschen fortbewegten. Ein paar mehr Beschreibungen hätten die Geschichte lebendiger gemacht.

„Aprilgewitter“ ist einfache, leichte Lektüre. Sozusagen das Fast Food Menü unter den historischen Romanen. Wenn man gerade Lust hat, mal ein paar Stunden nicht zu denken, kann das Lesen durchaus Spaß machen. Mit Anspruch darf man an das Buch aber nicht heran gehen.

Aprilgewitter, Iny Lorentz
Knauf, 707 Seiten, 9,95 Euro, ISBN 978-3-426-50414-7

Obwohl „Aprilgewitter“ mich nicht überzeugt hat, danke ich dem Knauf Verlag herzlich für das Rezensionsexemplar.

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2 responses

2 09 2010
Astrid Walter

Wow, lieber Sternenwanderer, vielen Dank für diesen feurigen Kommentar. Das Meiste würde ich genau so unterschreiben. Vielleicht gefallen die Bücher von Iny Lorentz vielen Lesern aber genau deswegen: Weil sie dabei nicht denken müssen und ohne Aufregung und Anstrengung unterhalten werden. Mir war das auch zu flach, ich werde jetzt einige Deiner Literaturtipps auf meine Wunschliste setzen.

2 09 2010
sternenwanderer

Ich muss zu diesem Roman und anderen Texten von Iny und Elmar Lorentz einfach mal meine Kritik los werden…

Vielleicht liegt es an meinen historischen Vorkenntnissen (bedingt durch mein Geschichtsstudium), vielleicht auch einfach an meinem Interesse an der Materie (Geschichte allgemein, aber auch der meiner Heimatstadt Berlin, dem „Spree Athen“), nur… solch eine unsensible Verwertung von Fakten, von Missachtung und auch Verfälschung von Geschichte habe ich bisher nur in Romanen von Iny Lorentz und anderen deutschen Autorinnen des historischen Roman-Genres erlebt.

Eine historientreue Darstellung eines Themenbereiches ist schwierig, wenn nicht gar unmöglich. Widersprüchlich sind die Darstellungen, es gibt auch zur Geschichte des 19.Jahrhunderts eine große Anzahl an Quellen, die man auswerten müsste, auch sind die Darstellung nicht fern preußischer Verherrlichung oder aber voll von starkem, sich anbiederndern Nationalismus und Patriotismus auf der einen Seite und verstärkter Anpassung und Kaisertreue auf der anderen. Nur… ist das wirklich ein Grund, Recherche erst gar nicht stattfinden zu lassen?

Die, zumindest ansatzweise, auch sehr marginal stattfindende Verwerbung von historischen Fakten mit der Fiktion machte inen historischen Roman aus; Iny Lorentz Romane sind platt. Platt in der Handlung, der Plot ist und bleibt durchschaubar, die Figuren flach gezeichnet; sie sind geradezu austauschbar, Strichmännchen, Pappkameraden. Und stilistisch sind die Romane einfach anspruchslos, das Autorenpaar macht sich nur selten die Mühe die Orte, die sie als Setting verwenden, auszugestalten oder gar zu beschreiben. Wobei das etwas Widersprüchliches in sich trägt: auf der einen Seite nehmen sie offensichtlich an, dass der/die Leser/in schlau und interessiert genug ist den Ort der Geschichte zu kennen, auch die zeitlichen Umstände zu verstehen, aber auf der anderen Seite werden Namen, Zeiten und auch Wendungen oft wiederholt, was zur Redundanz führt, und man traut mir offensichtlich als Leser/in nicht zu, mir einfache Angaben zu merken.

Du hattest es in deinem abschließenden Sätzen erwähnt: „Wenn man gerade Lust hat, mal ein paar Stunden nicht zu denken, kann das Lesen durchaus Spaß machen.“ Ja, vielleicht kann man die Romane lesen, wenn man wirklich sich nur unterhalten lassen will, sich auch nicht für den historischen Hintergrund interessiert und einfach nur eine Geschichte erzählt bekommen will. Ich denke allerdings, dass das auch angenehmer, stilistisch anspruchsvoller und somit auch spannender von statten gehen kann.

Im übrigen – und ich weiß, er ist ein rotes Tuch für so manche/n Schüler/innen – aber wenn man sich für das 19.Jahrhundert (vor allem für Frauenschicksale) interessiert, auch für Berlin, empfehle ich Texte von Fontane (Nicht unbedingt Effi Briest, aber „L’Adultera“ oder „Stine“, „Cécile“ oder „Frau Jenny Treibel“), dann Gerhard Hauptmann („Die Ratten“, „Der Biberpelz“, „Die Weber“), Theodor Storm, Friedrich Hebbel („Maria Magdalena“), usw. usf.

Im übrigen, fernab vom Berlin und dem 19.Jahrhundert, kann ich noch ein paar Tipps geben für historische Romane:
– Ruth Berger: Gretchen. Ein Frankfurter Kriminalfall (Die „Realität“ hinter Fausts „Gretchen“, weiterführend auch zu diesem Themenfeld ist – als dramatische Aufbereitung – Heinrich Leopold Wagners „Die Kindermörderin“ geeignet.)
– Eveline Hasler: Anna Göldin. Letzte Hexe (Ich muss zugeben: die Stilistik ist eher trocken, fast formal, allerdings ist die Recherche gut aufbereitet und gibt einen guten Einblick in das Leben in dieser Zeit (um 1780 in der Schweiz).)
– Lion Feuchtwanger (einfach als Namen hingeworfen – „Goya“ oder aber „Die Jüdin von Toledo“ oder „Jud Süß“…)
– Umberto Eco („Baudolino“ und natürlich „Der Name der Rose“…)

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