Rezension: Die Korrekturen (von Jonathan Franzen)

28 09 2010

Die Korrekturen

Die Korrekturen

gelesen von Juliane Rusche

Worum geht’s?

Die Lamberts sind auf den ersten Blick eine ganz normale amerikanische Familie: Die Eltern Enid und Alfred leben in einer beschaulichen Nachbarschaft im Mittelwesten, ihre drei Kinder Denise, Chip und Gary stehen mehr oder weniger auf eigenen Füßen und wohnen weit entfernt an der Ostküste. Langsam aber sicher werden Enid und Alfred alt, besonders der pensionierte Eisenbahner leidet zunehmend unter seiner Parkinson-Erkrankung. Deshalb tritt Enid mit einem großen Wunsch an ihre Kinder heran: Ein letztes Mal möchte sie gemeinsam mit der gesamten Familie Weihnachten in der Heimatstadt St. Jude feiern. Die Erfüllung dieses Wunsches gestaltet sich jedoch kompliziert: Garys Frau hasst die konservative Enid und möchte mit ihren drei Söhnen auf keinen Fall nach St. Jude fahren. Chip ist gerade vor einer gescheiterten Liebe nach Litauen geflohen, um dort als Internetbetrüger Karriere zu machen. Und auch das Leben der Starköchin Denise ist aus den Fugen geraten, nachdem sie sich auf eine Affäre sowohl mit ihrem Geldgeber als auch mit dessen Frau eingelassen hat …

Und, wie war’s?

Nicht zu Unrecht wird Jonathan Franzen als einer der ganz großen Autoren der amerikanischen Gegenwartsliteratur gefeiert: Mit „Die Korrekturen“ ist ihm ein fantastischer Familienroman gelungen, der aufzeigt, wie die unterschiedlichsten Lebensentwürfe unweigerlich ins Unglück führen. Dass jeder der fünf Lamberts auf seine Art und Weise gescheitert ist, macht „Die Korrekturen“ natürlich auch zu einem düsteren Buch. Trotzdem hatte ich beim Lesen großen Spaß, denn Franzen ist ein Meister darin, absurde Situationen greifbar zu machen. Indem er seine Erzählung immer abwechselnd auf einen der Protagonisten und dessen Alltag und Gefühlswelt konzentriert, spielt er die Familienmitglieder zudem perfekt gegeneinander aus – und man entwickelt für jedes Elternteil und für jedes Kind mal Sympathie, mal große Abneigung.

Ein Freund von Kürze und Prägnanz ist der Autor allerdings nicht, und ich finde nachvollziehbar, dass das nicht jedermanns Sache ist. Man könnte sagen, dass „Die Korrekturen“ wenig Raum für Fantasie lässt – so genau werden die Personen und ihre Umgebungen beschrieben. Doch dieser Detailreichtum kann auch als größter Pluspunkt des Buches gesehen werden: Franzen kreiert eine komplette Welt, die so konkret wird, dass man Denise und Chip und die anderen förmlich vor sich sieht. Für mich sind die Marotten und Probleme der einzelnen Lamberts erst dadurch richtig greifbar und, ja, real geworden – zu etwas, was dann letztlich doch wieder auf eine ganze (nicht nur amerikanische) Gesellschaft übertragen werden kann.

Im Übrigen habe ich die gerade neu erschienene rororo-Ausgabe des Romans gelesen. Ein Hinweis hierzu: Das Buch ist nur halb so groß wie ein normales Hardcover, dadurch perfekt zum Mitnehmen ins Café oder in den Park. Nichtsdestotrotz ist es mit fast 1 300 Seiten ein ganz schöner Wälzer. Um die Ausgabe nicht allzu dick werden zu lassen, hat der Verlag den Text auf hauchdünnes, leicht gelbliches Papier gedruckt, wie man es zum Beispiel aus Ausgaben der Bibel kennt. Das macht das Lesen und Herumblättern nicht gerade einfach; für einen wirklich vollkommenen Lesegenuss empfehle ich eine weniger kompakte, dafür angenehm zu lesende Ausgabe.

Die Korrekturen, Jonathan Franzen
rororo, 1 296 Seiten, 13 €, ISBN 9783499255496


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