Rezension: Das Alphabet der Knochen (von Louise Welsh)

25 10 2010

Das Alphabet der Knochen (Welsh)

Das Alphabet der Knochen (Welsh)

gelesen von Juliane Rusche

Worum geht’s?

Dr. Murray Watson, Dozent für Englische Literatur an der Universität Glasgow, plant, eine Biografie über den jung verstorbenen Dichter Archie Lunan zu schreiben. Seit Murray mit 16 Jahren dessen ersten und einzigen Gedichtband in die Finger bekam, ist er dem Poeten verfallen. Doch die Recherchen erweisen sich als schwierig. Außer einer mittlerweile hoch betagten Schriftstellerin kam offenbar niemand dem kauzigen Archie Lunan nahe – und diese Frau lebt zurückgezogen auf einer rauen Insel an der schottischen Westküste. Hartnäckig verweigert sie sich einem Treffen mit dem Wissenschaftler. Doch nach einigen privaten Eskapaden flieht Dr. Watson kurzerhand auf das Eiland. Hier provoziert er eine Begegnung mit der widerspenstigen Autorin – ein Treffen mit fatalen Folgen.

Und, wie war’s?

Auf meinen ersten Louise-Welsh-Roman war ich besonders gespannt – ein Freund, der Spannungsliteratur normalerweise verachtet, schwört auf die Bücher der Britin. Als Besonderheit ihrer Werke lobt er die wenig klischeehaften Hauptfiguren, die subtile Spannung, die unverbrauchten Szenarien, den Sex (der in den meisten Krimis, wenn überhaupt, nur in Verbindung mit Gewalt vorkommt).

Tatsächlich treffen einige dieser Besonderheiten auch auf Welshs viertes Buch zu: „Das Alphabet der Knochen“ braucht keinen Kommissaren à la Wallander, die Idee des recherchierenden Geisteswissenschaftlers ist gut, und Protagonist Watson hat immerhin eine verkorkste Affäre mit der Frau seines Vorgesetzten sowie einen One-Night-Stand mit einer taffen Witwe. Und doch kann der Roman mich nicht vollends überzeugen. Irgendwie ist Dr. Murray Watson mit seiner schwierigen Familiengeschichte und dem Hang zum Einzelgängertum dann doch ein recht typischer Krimiheld.

Und die erfrischende Tatsache, dass ihr Roman auf den ersten 350 Seiten ohne unglaubwürdige Verschwörungen und geisteskranke Killer auskommt, macht Welsh durch einen konstruiert wirkenden Showdown auf den letzten Seiten schnell vergessen. Ohne Frage ist „Das Alphabet der Knochen“ ein sehr gut geschriebenes und komponiertes Buch. Nur am Ende wäre weniger, wie so oft, einfach mehr gewesen.

Das Alphabet der Knochen, Louise Welsh
Kunstmann, 432 Seiten, 22 Euro, ISBN 978-3888976766

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