Rezension: Totengleich (von Tana French)

31 10 2010
Totengleich (French)

Totengleich (French)

gelesen von Astrid Walter

Worum geht’s?

Den Fall in „Grabesgrün“ hat sie in den Sand gesetzt. Nun versucht die junge Polizistin Cassie Maddox mit einer Versetzung in die Abteilung häusliche Gewalt ihre innere Ruhe wieder zu finden. Lange bevor es so weit ist, wird ihr langweiliger Alltag durchbrochen. Es wird die Leiche einer jungen Frau gefunden, die Cassie zum Verwechseln ähnlich sieht. Die Polizei ist schnell sicher, dass der Mörder der Studentin Lexie in ihrem engsten Umfeld zu suchen ist. Um die glatte Oberfläche von Lexies vier Mitbewohnern aufzubrechen, soll Cassie als Undercover-Agentin an ihrer Stelle in die WG einziehen und sich für einige Wochen als Lexie ausgeben.

Und, wie war’s?

Ich bin nach Grabesgrün mit sehr hohen Erwartungen an Totengleich herangegangen und wurde prompt enttäuscht. Die Geschichte ist diesmal einfach unglaubwürdig. Dass zwei Frauen sich bis aufs Haar optisch gleichen, finde ich schon unwahrscheinlich genug. Eine Erklärung wie „Zwillinge, bei der Geburt getrennt“ wird dafür nicht gegeben. So flach das auch gewesen wäre, derartiges läge zumindest im Bereich des vorstellbaren und möglichen. Noch viel absurder ist aber die Idee, dass eine Polizistin über Wochen eine andere Person einfach ersetzen kann, ohne dass es ihre eigenen Mitbewohner merken. Das mag noch an der Uni funktionieren. Im engsten Freundeskreis, bei Menschen, mit denen man täglich hautnah zusammenlebt, halte ich es für absolut unmöglich. Noch dazu, wenn die ersetzte Person vor Beginn der Aktion schon tot war und man sie nur auf wenigen Videos in Aktion gesehen hat. Auch das Verhalten der Hauptfiguren ist in mehreren Punkten unrealistisch, dazu will ich aber nicht mehr verraten, sonst ahnt Ihr schon alle, wer Lexie ermordert hat. ;-)

Ein weiterer Minuspunkt von Totengleich: Das Buch könnte locker 200 Seiten dünner sein. Ich liebe dicke Bücher wirklich sehr, aber in diesem Fall zieht sich die Geschichte zwischenzeitlich viel zu lange hin. Jeder Entscheidungsprozess und alle Befindlichkeiten der Protagonistin werden im Detail erörtert, bis wirklich was passiert, vergehen viele viele Seiten.

So, nun habe ich ausführlich dargelegt, wieso „Totengleich“ schlecht ist. Und trotzdem: Ich würde jederzeit wieder ein Buch von Tana French lesen, ja, ich warte sogar sehnsüchtig darauf, dass ihr drittes Buch „Sterbenskalt“ im Dezember endlich auf Deutsch erscheint. Denn auch, wenn mich die Geschichte nicht überzeugt hat, ist Tana French für mich die momentan stilistisch beste Thrillerautorin. So eine schöne Sprache findet man in Werken dieses Genres selten. Auch ihre atmosphärischen Beschreibungen sind wieder grandios gelungen, es kam mir fast so vor, als würde ich selbst in dem einsam gelegenen Herrenhaus wohnen und knarzenden Stufen ausweichen. Die Dialoge wirken erfrischend lebendig, und die Charaktere, die French schafft, sind bis in die kleinste Nebenfigur fein ausgearbeitet, vielschichtig, interessant und real. Da verzeihe ich ihr dann auch die maue Story.

Totengleich, Tana French,
Scherz, 780 Seiten, 16,95 Euro, ISBN 978-3502101925


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