Rezension: Solar (von Ian McEwan)

12 12 2010
Solar (Ian McEwan)

Solar (Ian McEwan)

gelesen von Juliane Rusche

Worum geht’s?

Nachdem der Mittfünfziger Michael Beard seine fünfte Ehefrau zum wiederholten Mal betrogen hat, zieht diese Konsequenzen: Kurzerhand legt auch sie sich einen Liebhaber zu. Für den erstaunten und mit einem Mal extrem eifersüchtigen Londoner Wissenschaftler wird in den folgenden Wochen und Monaten eine ganze Lawine von Ereignissen losgetreten – die bei Weitem nicht nur sein Privatleben betreffen. Immerhin ist es einer seiner Untergebenen, ein junger Hilfswissenschaftler namens Aldous, der sich mit Beards hübscher Frau vergnügt …

Jahre später gehen der Physiker und Nobelpreisträger Beard und Gattin Nummer fünf längst getrennte Wege, und Michael Beard arbeitet an einem revolutionären Projekt: Mithilfe künstlicher Photosynthese möchte er eine neue Form von Solarenergie gewinnen, die alle Klimaprobleme der Menschheit von heute auf morgen lösen würde. Doch kurz bevor er in New Mexico den Prototypen der von ihm entwickelten Solaranlage vorstellen will, wird Michael Beard von seiner Vergangenheit eingeholt.

Und, wie war’s?

Mit Michael Beard hat Ian McEwan einen der unsympathischsten Romanhelden des Jahres geschaffen: Der Physiker ist selbstsüchtig und rücksichtslos, ein verfressener und versoffener Egozentriker, für den Moral ein Fremdwort zu sein scheint. Nichtsdestotrotz ist Beard unter Kollegen höchst angesehen, seit er für ein von ihm entwickeltes Theorem den Nobelpreis verliehen bekommen hat, und immer wieder finden sich junge und hübsche Frauen, die sich auf Beziehungen und Affären mit dem fiesen Fettwanst einlassen.

Lange Zeit scheint dieser Antiheld mit seinem Egotrip also tatsächlich erfolgreich zu sein. Doch gekonnt flicht McEwan immer mehr kleine (Fehl-)Entscheidungen ins Leben des Michael Beard ein, die den Physiker schlussendlich böse straucheln lassen. Auf sehr skurrile Art und Weise schildert der 62-jährige britische Autor die diversen Marotten seiner Hauptfigur und scheut nicht davor zurück, das verkorkste Seelenleben dieses gewissenlosen Mannes komplett bloßzulegen. Beim Lesen wechselt sich Belustigung mit Fremdscham und Unverständnis ab, und fast 400 Seiten lang wartet man darauf, dass endlich, endlich jemand Michael Beard stoppen möge.

Das zweite große Thema von „Solar“ ist die Wissenschaft: Immer wieder widmet sich Ian McEwan der Schilderung verschiedener Theorien zum Klimawandel und zu erneuerbaren Energien und beleuchtet den Umgang des Menschen mit der ihn umgebenden Natur. Dass es ausgerechnet ein seine Umwelt so verachtender Mensch wie Michael Beard ist, der die Welt retten könnte, ist ein gelungener Kniff des Romans; stellt man sich als Erdenretter doch eher einen moralischen und liebenswürdigen Helden vor. Doch das ist eine der beiden zentralen Aussagen von McEwans gelungenem Roman: Die Grenze zwischen Gut und Böse ist nicht immer so eindeutig, wie man es gerne hätte. Zweite und vielleicht noch wichtigere Botschaft von „Solar“ ist, dass Intelligenz alleine nicht ausreicht; fehlen gewisse Sozialkompetenzen, so steht auch der klügste Kopf am Ende als Dummkopf dar.

Solar, Ian McEwan
Diogenes, 416 Seiten, 21,90 Euro, ISBN 978-3257067651


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