Rezension: Freiheit (von Jonathan Franzen)

1 05 2011
Freiheit (Foto: Amazon)

Freiheit (Foto: Amazon)

gelesen von Astrid Walter

Worum geht’s?

Patty und Walter Berglund sind die typische Familie von nebenan, die nach außen total langweilig und normal wirkt, innen aber ziemlich kaputt ist. Sohn Joey hat eine heimliche Beziehung mit der Nachbarstochter, Tochter Jessica findet ihre Mutter einfach nur peinlich, Patty liebt ihren Mann nicht wirklich und findet, Walter sei zu gut für sie – und Walter versucht, das fragile Konstrukt irgendwie zusammenzuhalten. Dafür ignoriert er Pattys Depressionen und ihren viel zu hohen Alkoholkonsum und vermittelt zwischen den Kindern und ihr.

Als Walter, der bislang als Anwalt für Umweltorganisationen gearbeitet hat, einen lukrativeren Job in Washington annimmt, und die Familie umzieht, bricht alles zusammen. Joey macht dubiose Geschäfte mit dem Irakkrieg und Jessica will ihre Mutter nicht mal mehr sehen. Walter kämpft mit seinem Gewissen, weil er, der Gutmensch, auf einmal für die Kohleindustrie arbeitet und Patty leidet unter ihrem schlechten Gewissen, weil sie Walter mit dessen bestem Freund, einem abgehalfterten Musiker, betrogen hat. Schließlich kommt es, wie es kommen musste: Die Ehe zerbricht.

Und, wie war’s?

Ich habe lange kein Buch mehr gelesen, das mich so sehr gelangweilt und genervt und wieder gelangweilt hat. Auf über 700 Seiten kommt keine einzige sympahische Figur vor, mit niemandem wollte ich mich auch nur annährend identifizieren. Endlos lange ergehen sich alle in fruchtloser Selbstreflexion und, noch viel schlimmer, Selbstmitleid. Dafür haben sie zwar auch allen Grund, geht doch bei allen das Leben gehörig schief, auf Dauer ist das für den Leser aber einfach nur ermüdend.

Zweifellos ist Jonathan Franzen stilistisch einer der großen Autoren der heutigen Zeit. Sprachlich kann ihm so schnell keiner das Wasser reichen. Zu Beginn hat es mir auch noch gereicht, mich über besonders schöne Sätze und gelungene Beschreibungen der Gesellschaft zu freuen. Irgendwann blieb das dann auch noch auf der Strecke, weil ich die Seiten nur noch überflogen habe, um wieder zu Stellen zu kommen, an denen etwas passiert. Wenn dann wirklich die Handlung weiterging, konnte ich den Fortgang der Geschichte häufig nicht nachvollziehen und fand die Entwicklung der Charaktere unglaubwürdig. Meine Erwartungen an „Freiheit“ waren sehr hoch, umso mehr bin ich jetzt enttäuscht.

Freiheit, Jonathan Franzen
Rowohlt, 736 Seiten, 24,95 Euro, ISBN 978-3498021290

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4 responses

29 07 2012
Flecken,Raimund

„Freiheit“ handelt von der Familie Berglund.Die Eltern Walter und Patty leiden unter ihren Herkunftsfamilien und distanzieren sich von diesen.Sie müssen erleben,dass ihre eigenen Kinder es mit ihnen genauso halten.Sie alle erfahren,dass diese Freiheit kein Glücksgarant ist,was Franzen glänzend schildert.
Insofern ist „Freiheit“ das moderne Gegenstück zu den „Buddenbrooks“.Vor allem Toni und Thomas leiden,weil sie sich an die Konventionen halten.
Mich hat die Wurstigkeit geärgert,mit der Franzen mit Jessica umgeht.Da kann er von Thomas Mann,den er komischerweise kritisiert, noch einiges lernen.Siehe „Buddenbrooks“.

17 05 2011
Cara

Tja, ich bin auch immer noch zwiegespalten, ob ich es lesen soll oder nicht….
Vielen Dank für deine Meinung!

lg, Cara

6 05 2011
vtaktuell

Das Hörbuch, das vor einiger Zeit in HR2 lief, ist allerdings große Klasse. Obwohl ich es nur bruchstückhaft gehört habe, bleibt dort die innere Handlung spannend und die Entwicklung der Charaktere nachvollziehbar.

2 05 2011
Konstantin [derschoeneblog.de]

Das ist witzig, das ich deinen Blogpost nun gerade heute in meinem Reader entdeckt habe – weniger Stunden zuvor habe ich noch „Freiheit“ in meinen Warenkorb bei booklooker gepackt, weil ein Verkäufer es noch anbot neben meinem eigentlichen Kaufwunsch. Nur der Zufall, das der Verkäufer meine komplette Bestellung storniert hat, war es, der dazu führte das ich das Buch nun vorläufig doch nicht in meinen Händen halten werde. Ich bin dennoch gespannt, denn auf meinem SuB befindet es sich weiterhin, auch nach dem Lesen deines Blogposts. :D

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