Rezension: Der Fall Collini (von Ferdinand von Schirach)

22 11 2011
Der Fall Collini (Foto: audible)

Der Fall Collini (Foto: audible)

gehört von Astrid Walter

Worum geht’s?
Caspar Leinen steht noch ganz am Anfang seiner Karriere als Anwalt. Um überhaupt an Fälle zu kommen, hat er sich als Pflichtverteidiger eintragen lassen. Der erste Fall, zu dem er gerufen wird, scheint nicht zu gewinnen zu sein. Der italienisch stämmige Fabricio Collini marschiert eines Tages in das Hotelzimmer eines bekannten Waffenfabrikanten, tötet ihn mit mehreren Schüssen und zertrampelt schließlich noch das Gesicht des Opfers. Dann wartet er auf die Polizei, lässt sich verhaften und gesteht kurz und bündig „ich habe es getan“. Viel mehr bekommt auch Leinen als bestellter Pflichtverteidiger zunächst nicht aus Collini heraus.
Obwohl der Fall für den Verteidiger sehr aussichtslos ist, hofft der junge Anwalt, sich damit einen Namen machen zu können. Erst nach dem Anruf einer alten Freundin wird ihm klar, dass das Opfer nicht irgendein Waffenfabrikant ist, sondern der Opa eines guten Freundes, bei dem auch Leinen selbst einen Großteil seiner Kindheit verbracht hat.
Das Mandat niederzulegen kommt trotzdem nicht in Frage und schließlich stellt die Verteidigung Leinen vor ein großes moralisches Problem: Er kann nur Verständnis für seinen Mandanten wecken, wenn er von der gut geheimgehaltenen Rolle des Opfers während des zweiten Weltkrieges erzählt und damit das Ansehen des geliebten alten Herren beschmutzt.
Und, wie war’s?
Bisher hatte ich von Ferdinand von Schirach nur seine „Verbrechen“ gelesen und die kurzen Texte gefielen mir sehr gut. An den Roman „Der Fall Collini“ hatte ich entsprechend hohe Erwartungen und war deshalb erstaunt, als er mich zunächst gelangweilt hat. Der Mord ist schnell geschehen, dann passiert über längere Zeit erstmal gar nichts. Statt spannender Recherchen und ausgetüftelter Strategien wie bei den Gerichtsthrillern von John Grisham schildert von Schirach schier endlos die Kindheitserlebnisse seiner Hauptperson. Hätte ich statt des Hörbuchs das gedruckte Buch gehabt, wäre das ein typischer Fall von „abends mal zwei Seiten, dann lieber schlafen“ gewesen und ich hätte wohl wochenlang daran gelesen.
Erst als Collinis Verteidungsstrategie klar wird und er in einem erschütternd nüchternen Monolog die Erlebnisse seines Mandaten während des zweiten Weltkriegs und die Rolle des Opfers dabei schildert, bekommt „Der Fall Collini“ Brisanz. Es geht um den Umgang des deutschen Rechts mit NZ-Verbrechen und die Frage, wie viel Rache erlaubt ist. Von Schirach schmückt seine Geschichte nicht groß aus, er bezieht keine eindeutige Position, sondern beschreibt das Geschehen neutral und wahrt damit die Distanz zu den Gräueltaten der Vergangenheit und Gegenwart. Sein präziser, klarer, schnörkelloser Schreibstil passt dazu perfekt. Trotzdem wünsche ich mir als nächstes von Ferdinand von Schirach wieder die Schilderung realer Verfahren, da das seine große Stärke zu sein scheint.
Der Fall Collini, Ferdinand von Schirach
gelesen von Burghart Klaußner
HörbucHHamburg über audible.de, 13,95 Euro, 3 Stunden 44 Minuten
Hardcover: Piper, 208 Seiten, 16,99 Euro, ISBN 978-3492054751
Leselust ist Mitglied im Rezensionsprogramm von audible.de. Ich danke der Audible GmbH für das kostenfrei Hörbuch.

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14 01 2012
Der Fall Collini – Ferdinand von Schirach | Text-Know-how

[…] kompakt und unauffällig – Deutschlandradio Kultur zu „Der Fall Collini“ Wie ein unbescholtener Mann zum Mörder wird – Focus-Buchkritik Leselust-Blog: Rezension &#821… Share this:E-MailMehrDruckenGefällt mir:LikeSei der Erste, dem dieser post gefällt. Dieser […]

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