Rezension: Der alte König in seinem Exil (von Arno Geiger)

4 04 2012

gehört von Michele Reble

Der alte König in seinem Exil (Arno Geiger)

Der alte König in seinem Exil (Arno Geiger)

Worum geht’s?

Arno Geiger berichtet von dem Verlauf der Demenz- und Alzheimererkrankung seines Vaters August. Er zeigt auf, was dies für die direkte Familie, aber auch für Freunde und Bekannte bedeutet und nicht zuletzt für den Betroffenen selbst. Dabei liefert er viele Hintergrundinformationen aus dem Leben seines Vaters.

Und, wie war’s?

Der Autor erzählt die Lebensgeschichte seines Vaters sehr flüssig, ganz so, als säße man ihm bei einer Tasse Tee gegenüber. Trotz allem ist es mit einer gewissen Schwere belastet, denn selbst als Zuhörer geht es nicht spurlos an einem vorbei, den mentalen Verfall eines Menschen mitzuerleben.

Die einzelnen Phasen der Demenz beschreibt Arno Geiger an Beispielen sehr ausführlich und geht dabei auch darauf ein, wie der Fortschritt der Krankheit auf ihn und seine Geschwister gewirkt hat. Die Unwissenheit, Ignoranz und Wut, die sich zu Beginn bei den Familienmitgliedern einstellen, sind wohl ganz typisch und ich finde es toll, wie detailliert er auf diesen Part eingegangen ist.

Schwer nachvollziehbar war für mich die Tatsache, dass man ab einem gewissen Stadium dem Erkrankten seine Illusionen und Traumwelt zugestehen sollte, statt ihn immer wieder in die Realität zu holen und zu erklären, wie sich die Dinge tatsächlich darstellen. Es ist zwar einleuchtend, dass man einen an Alzheimer Erkrankten nicht mit Plausibilität und Logik kommen kann, doch ich empfinde es als eine fast unüberwindbare Hürde, als naher Angehöriger in die fiktive Welt des Erkrankten einzutreten und so zu tun, als wäre dies alles real. Schließlich legt man damit all das ab, was man in Jahrzehten mit diesem Menschen zusammen erlebt hat. Doch nur so hat man eine Chance, zu dem Betroffenen durchzudringen und ihn zu verstehen.

Ein sehr empfehlenswertes Hörbuch, das ein absolutes Muss für Betroffene, aber auch für Außenstehende unheimlich lehrreich und informativ ist.

Der alte König in seinem Exil, Arno Geiger
Hörbuch gelesen von Matthias Brandt
Hörbuch Hamburg GmbH über audible.de 13,95 €, 4 Stunden 17 min, ISBN 3899030362

Gebunde Ausgabe: Carl Hanser Verlag, 192 Seiten, 17,90 Euro, ISBN 3446236341

Leselust ist Mitglied im Rezensionsprogramm von audible.de. Ich danke der Audible GmbH für das kostenfreie Hörbuch.

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Rezension: Oscar (von Dr. David Dosa)

23 09 2010
gelesen von Michele Rassinger

Oscar (Dr. David Dosa)

Oscar (Dr. David Dosa)

Worum geht’s?

Oscar ist einer der Stationskater im Pflegeheim Steere House in Providence. Meistens lümmelt er unter dem Empfangspult oder fordert Streicheleitenheiten von den Stationsschwestern oder Dr. Dosa, dem Geriater im Heim, ein. Ansonsten geht er jedoch sämtlichem Kontakt mit Menschen aus dem Weg.
Doch Oscar weiß genau, wann er gebraucht wird: immer wenn es einem Patieten so schlecht geht, dass seine Stunden gezählt sind, stattet Oscar ihm einen Besuch ab, rollt sich auf dem Patientenbett zusammen und bleibt bis zum Ende. Dabei ist er nicht nur den Patienten eine Hilfe, sondern spendet vor allem auch deren Angehörigen Trost, die mit dem großen Schmerz fertig werden müssen, einen geliebten Menschen verloren zu haben.

Als Oscars spezielle Fähigkeiten erstmals zum Vorschein kamen, hielt Dr. Dosa dies für einen Zufall. Doch je häufiger Oscar bei den sterbenden Patienten Wache hielt, desto mehr musste Dr. Dosa sich eingestehen, dass da mehr dahinter stecken muss als purer Zufall. Er beschloss, einige Angehörige von verstorbenen Patienten aufzusuchen und sie nach ihren Erfahrungen mit Oscar zu befragen.
Diese Geschichten hat er in „Oscar. Was uns ein Kater über das Leben und Sterben lehrt“ zusammengestellt.

Und, wie war’s?

„Oscar“ ist ein außergewöhnliches Buch. Schon allein durch die Thematik, aber vor allem, weil mich die Geschichte dazu bewegt hat, es zu lesen. Denn weder habe ich ein besonderen Faible für Tiere und Katzen im Besonderen, noch möchte ich mich freiwillig mit solch belastenden Themen wie Alterskrankheiten beschäftigen.

Doch Oscars besondere Gabe hat mich neugierig gemacht und mich nicht nur vieles über Tiere gelehrt, die die Begabung haben, Krankheiten oder nahende Unglücke zu spüren, sondern auch tiefe Einblicke in ein Thema ermöglicht, dem sich viele von uns irgendwann einmal stellen müssen: Was passiert, wenn uns nahe stehende Menschen an Alzheimer, Demenz oder Parkinson erkranken?

Dr. Dosa schildert den Verlauf der Krankheiten – von der ersten Untersuchung bis hin zur eigentlichen Todesursache – an einigen Beispielen sehr ausführlich und erklärt viele Eigenheiten, die die Patienten mit fortschreitender Krankheit aufweisen und wie man damit am besten umgeht. Vor allem durch seine Gespräche mit den Angehörigen ehemaliger Patienten zeigt er aber auch, wie man es schaffen kann, solch eine nervenzerrende und belastende Zeit zu überstehen.

„Oscar“ ist kein Buch zur Ablenkung oder Vergüngung, auch wenn es mitunter recht heiter geschrieben ist. Aber es ist vor allem für Betroffene ein nützlicher und trostspendender Ratgeber.

Oscar, Dr. David Dosa
Droemer/Knaur, 255 Seiten, 16,95 €, ISBN 3426274701





Rezension: Der Tag, an dem meine Tochter verrückt wurde (von Michael Greenberg)

10 05 2010
gelesen von Michele Rassinger

Der Tag, an dem meine Tochter verrückt wurde (Michael Greenberg)

Der Tag, an dem meine Tochter verrückt wurde (Michael Greenberg)

Worum geht’s?

Sally ist erst 15, als sie in die Psychiatrie eingeliefert wird. Für ihren Vater Michael und ihre Stiefmutter Pat kommt ihr Zusammenbruch so plötzlich, dass sie die Diagnose erst gar nicht fassen können. Doch Sallys Manie ist so ausgeprägt, dass sie sie nicht verleugnen können. Von nun an ist kein Tag wie der andere. Michael muss sich jeden Tag aufs Neue innerlich gegen alles wappnen, wenn er seine Tochter in der Psychiatrie besucht. Nach einigen Wochen kann Sally mit starken Psychopharmaka entlassen werden. Auf ihrem Verhaltensplan stellen 15 Minuten alleine spazieren gehen den ersten großen Schritt auf ihrem Weg zurück in ein „normales“ Leben dar.

Und, wie war’s?

Michael Greenbergs Bericht ist nicht leicht zu lesen. Dies liegt gewiss nicht an der Sprache, denn diese ist angenehm und einfühlsam. Es liegt an diesem schwierigen, bewegenden und traurigen Thema. Die Tatsache, dass der Autor davon berichtet, was er am eigenen Leibe erlebt hat, machte mich beim Lesen sehr betroffen und mir bewusst, dass dies keine tragisch-erfundene Geschichte ist.

Dass das Leben manchmal schlimmer als eine fiktive Geschichte sein kann, zeigt Greenbergs Familiengeschichte. Denn nicht nur seine Tochter verfällt der Manie, sondern auch sein jüngerer Bruder leidet an einer Störung, durch die er sich von seinem sozialem Umfeld, aber auch von sich selbst stark absondert. Greenbergs Lebensumstände machen es ihm auch nicht gerade leichter: ohne festen Job lebt er von seinem schriftstellerischen Können mehr schlecht als recht, kann sich keine Krankenversicherung leisten und steht vor dem Problem, seine Wohnung – die er nach seiner Scheidung ohne Mietvertrag von einem Bekannten überlassen bekommen hat – räumen zu müssen.

Mich hat vor allem die Angst sehr erschüttert, die Sally nach ihrer Manie hat: sie fürchtet sich jeden Tag in jeder Situation davor, dass die Manie sie wieder überfällt, dass sie nicht weiß, wann ihr Verstand funktioniert und wann er ihr einen Streich spielt. Diese Ungewissheit, ob und wann man wieder „verrückt“ wird und die Angst vor sich selbst ist wohl die schlimmste, die man haben kann.

Der Tag, an dem meine Tochter verrückt wurde, Michael Greenberg
Hoffmann und Campe, 288 Seiten, 19,95 €, ISBN 3455500374





Rezension: Strange! Allein unter Amerikanern (von Christine Kruttschnitt)

27 04 2010
gelesen von Michele Rassinger
Strange (Christine Kruttschnitt)

Strange (Christine Kruttschnitt)

Worum geht’s?

Als Stern-Reporterin zog Christine Kruttschnitt 1999 nach New York und 2004 weiter nach L.A. In „Strange! Allein unter Amerikanern“ berichtet sie von ihren Erlebnissen in dem Land ohne Grenzen.

Und, wie war’s?

Als begeisterte USA-Urlauberin war für mich klar, dass ich Kruttschnitts Werk lesen muss. Obwohl mir ihr Name bisher kein Begriff war, hab ich mich von ihrer locker-flockigen Art zu schreiben, gleich begeistern lassen. Mit viel Humor berichtet sie von arroganten New Yorkern, pestizitfanatischen Nachbarn, gewissenhafte Schönheitschirurgen und dem Californian Spirit.

Ich fand Kruttschnitts Ausführungen teils sehr amüsant, teils aber auch etwas langatmig. Mir fällt es schwer, abschließend eine echte Bewertung zu geben. Es gab durchaus ein paar schmunzelnde Momente und der Schreibstil macht es leicht, das Buch flott zu lesen. Aber alles in allem hat es mich nicht vom Hocker gehauen.

Strange! Allein unter Amerikanern, Christine Kruttschnitt
DUMONT, 192 Seiten, 14,95 €, ISBN 3832195106





Rezension: Maria, ihm schmeckt’s nicht (von Jan Weiler)

24 09 2008
gelesen von Michele Rassinger
Maria, ihm schmeckt's nicht (Jan Weiler)

Maria, ihm schmeckt's nicht (Jan Weiler)

Worum geht’s?

In diesem autobiografischen Roman erzählt Jan Weiler von seiner Heirat mit der Halbitalienerin Sara und wie sich dadurch sein Leben völlig ändert. Er lernt die italienische Art zu leben hautnah kennen und muss einige kulturelle und auch zwischenmenschliche Hindernisse sowohl in Deutschland mit seinem Schwiegervater Antonio als auch mit einigen anderen neuen Verwandten in dem kleinen italienischen Dorf Campobasso bewältigen.

Und, wie war’s?

Jan Weiler liefert mit seiner Erzählung einen lebhaften und realen Einblick in das Leben einer italienischen Großfamilie. Zwischen den überwiegend komischen Zeilen liest man aber auch die Ängste vor dem Fremdsein heraus. Der Autor macht dies an der Lebensgeschichte seines Schwiegervaters Antonio Marcipane fest, der in der 60er Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland kam und dort seine Frau Ursula kennenlernte. Aber auch er selbst sieht sich mit einigem Befremdlichen konfrontiert, als er Antonios Tochter Sara heiratet und mit ihr ihre italienische Großfamilie.

Insgesamt ein sehr kurzweiliges, unterhaltsames und lustiges Buch. Für meinen Geschmack ist der Übergang der mit trockenem Humor geschilderten Erlebnisse mit den Maricapanes zu der ernsthaft stimmenden Lebensgeschichte von Antonio nicht ganz gelungen. In dem einen Moment noch schmerzen die Lachmuskeln, im nächsten ist man betroffen, mit welchen Anfeindungen Gastarbeiter sowohl beruflich als auch privat vor 40 Jahren in Deutschland zu kämpfen hatten.

Maria, ihm schmeckt’s nicht, Jan Weiler
Ullstein Tb, 272 Seiten, 10 €, ISBN 3548264263

P.S. Ab 06.08.2009 im Kino!





Rezension: Ich bin dann mal weg: Meine Reise auf dem Jakobsweg (von Hape Kerkeling)

22 09 2008
 
Ich bin dann mal weg (Hape Kerkeling)

Ich bin dann mal weg (Hape Kerkeling)

gelesen von Astrid Walter

Worum geht’s?
Der bekannte Komiker Hape Kerkeling (Horst Schlemmer, Königin Beatrix, …) hat eine Auszeit genommen und ist den Jakobsweg gewandert. Anderthalb Monate war er großteils zu Fuß unterwegs und abends hat er immer noch brav Tagebuch geschrieben, das dann als dieses Buch veröffentlich wurde.

Und, wie war’s?
Am Anfang hat mir das Lesen richtig Spaß gemacht. Kerkeling plaudert einfach drauf los, so als erzähle er einem Freund von seinen Erlebnissen. Ganz offen jammert er über schmerzende Knie, das eintönige Wandern und gammelige Pilger-Herbergen. Natürlich hat Kerkeling nicht durchgehend schlechte Laune. Er erzählt auch von schönen Landschaften und lustigen Begegnungen. Freundschaft wird im Verlauf des Buches ein großes Thema. Damit gibt das Buch einen guten Einblick in die Qualen und Freuden des Pilgerns auf dem Jakobsweg und in die Gedankenwelt eines deutschen Prominenten.

Leider gerät Kerkeling aber im letzten Drittel des Buches immer mehr ins Moralisieren. Seine Wutanfälle, seine Zweifel und sein plötzlicher Glaube an Gott mögen authentisch sein, waren aber für mich zeitweise schwer nachzuvollziehen und verführten mich dazu, einige Seiten nur flüchtig zu überfliegen.

Ich bin dann mal weg: Meine Reise auf dem Jakobsweg, Hape Kerkeling
Piper/Malik Verlag, 345 Seiten, 19,90 Euro, ISBN 978-3-89029-312-7