Rezension: Afghanische Reise (von Roger Willemsen)

23 10 2012
Afghanische Reise (Willemsen)

Afghanische Reise (Willemsen)

gelesen von Astrid Kopp

Worum geht’s?

25 Jahre lang wurde Afghanistan von Krieg dominiert. Kurz nach Kriegsende begleitet Roger Willemsen eine afghanische Freundin auf eine Reise in ihr Heimatland. Von Kabul nach Kunduz führt die beiden ihr Weg, auf dem sie Verwandte von Nadia besuchen, aber auch Interviews mit ehemaligen Kriegshäftlingen führen, versuchen eine Kinovorstellung für Frauen auf die Beine zu stellen und erleben, wie der Alltag in einem von Angst und Zerstörung geprägten Land aussieht.

Und, wie war’s?

Ich weiß gar nicht, ob ich für so ein dünnes Buch schon mal so lange gebraucht habe. Es ist atmosphärisch und sprachlich dicht; Willemens packt derart viel Wissen, Eindrücke und Gedanken auf eine Seite, dass ich zahlreiche Absätze mehrfach lesen musste, um alle gegebenen Informationen aufnehmen zu können. Das war anstrengend und zugleich bereichernd. Fast wirkt es, als würde das Buch eine eigene Reise ersetzen, so realistisch wirkt der Eindruck von Afghanistan, der Kultur und den Menschen, den Willemsens vermittelt.

Manchmal fehlte mir allerdings ein bisschen eine klarere Gliederung, die das Lesen vereinfacht hätte. Die einzelnen Geschichten werden nicht für sich abgeschlossen erzählt, sondern alles scheint ungefiltert so in das Buch geflossen zu sein, wie es Willemens eben passierte und durch den Kopf ging. Wer sich ein bisschen dafür interessiert, was mit einem Land passiert, das ein Vierteljahrhundert im Krieg verbringt und dann von anderen Ländern gesagt bekommt, wie es künftig sein sollte, kommt an Willemsens „Afghanischer Reise“ trotzdem kaum vorbei.

Afghanische Reise, Roger Willemsen
S. Fischer, 222 Seiten, 9,95 Euro, ISBN 978-3-596-17339-6





Rezension: Verachtung (von Jussi Adler-Olsen)

7 09 2012
Verachtung (Jussi Adler-Olsen)

Verachtung (Jussi Adler-Olsen)

gelesen von Astrid Kopp

Worum geht’s?

„Verachtung“ ist der vierte Band der Reihe „Sonderdezernat Q“.

Carl Mørck widmet sich dem Fall, den Sekretärin Rose aus einem dicken Aktenstapel ausgewählt hat, erstmal nur widerwillig. Eine vor über 20 Jahren vermisste Prostituierte erscheint ihm weniger aufregend als seine zahlreichen privaten Probleme. Die Ex-Frau, die zur Scheidung auch noch viel Geld will, die neue Freundin, die scheinbar noch einen anderen hat, die böse Erkältung, die ihn flach zu legen droht, und nicht zuletzt die Ermittlungen seiner Kollegen in einem alten Fall. Vor einigen Jahren gerieten Carl und zwei Kollegen in einen Schusswechsel. Ein Kollege starb, der andere lebt nun gelähmt und von der Frau verlassen in Carls Wohnzimmer, nur Carl entkam ohne schlimmere Verletzungen. Das ist sowieso schon verdächtig genug, aber nun weisen auch noch neue Spuren darauf hin, er könnte mit den Gangstern gemeinsame Sache gemacht haben.

Erst als sein Assistent Assad und Rose herausfinden, dass zeitgleich mit der Prostituierten noch fünf andere Personen verschwunden und nie wieder aufgetaucht sind, wird Carls Aufmerksamkeit geweckt. Die Spur führt ihn und sein gewohnt schrulliges Team zu dem rechtsradikalen Politiker Curt Wad, und auf die Insel Sprogø, auf der jahrzehntelang Frauen weggesperrt und zwangssterilisiert wurden.

Und, wie war’s?

„Verachtung“ ist ein sehr (sehr!) gutes und erschütterndes Buch. Die atemlose Spannung, die ich aus den ersten drei Bänden der Reihe gewohnt war, hat mich zwar diesmal nicht ergriffen. Die Ermittlungen plätschern ein wenig dahin, die zahlreichen Rückblicke in die Vergangenheit einer Protagonistin sind hoch interessant, aber eben kein Kampf gegen die Zeit oder ums Überleben.

Dafür greift Jussi Adler-Olsen ein dunkles und mir bis dato unbekanntes Kapitel der dänischen Geschichte auf. Dass jahrzehntelang Frauen, die als schwachsinnig betitelt wurden, wie Arbeitssklaven auf einer Insel weggesperrt waren und nach Gutdünken der Ärzte sterilisiert wurden, um zu verhindern, dass sie sich „vermehren“, ist einfach nur erschreckend. Der Autor zeigt anschaulich, was Menschen mit anderen Grausames anstellen können, nur weil sie sich ihnen überlegen fühlen und die richtige Gelegenheit bekommen. Und er schafft es, in mir vollstes Verständnis für eine eiskalt planende Mörderin zu wecken, so eindringlich sind die Erlebnisse und daraus resultierenden Gefühle einer Protagonistin geschildert.

Als Thriller hat mich „Verachtung“ nicht ganz überzeugt, als grandiose Gesellschafts- und Charakterstudie dafür umso mehr.

Verachtung, Jussi Adler-Olsen
Deutscher Taschenbuch Verlag dtv, 544 Seiten, 19,90 Euro, ISBN 978-3423280020

Ich danke dtv herzlich für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.





Rezension: Die unglaubliche Geschichte des Henry N. Brown (von Anne Helene Bubenzer)

17 04 2012

gelesen von Michele Reble

Die unglaubliche Geschichte des Henry N. Brown (Anne Helene Bubenzer)

Die unglaubliche Geschichte des Henry N. Brown (Anne Helene Bubenzer)

Worum geht’s?

Henry N. Brown ist kein einfacher Teddybär. Nein, Henry denkt, fühlt, riecht und sieht. Nur sprechen kann er nicht. Und auch, wenn ihn das manchmal schier zur Verzweiflung bringt, weil er so vieles sieht, was die Menschen nicht zu sehen vermögen, so weiß er doch, welch wichtige Aufgabe er erfüllt: er hört zu und er tröstet. Und solch einen Bären braucht jeder Mensch einmal.

So führt ihn seine Reise nicht nur über verschiedene Kontinente, sondern vor allem in die Häuser der unterschiedlichsten Menschen: arm und reich, fröhlich und traurig, hasserfüllt und voller Liebe, verzweifelt und hoffnungsvoll.

Und, wie war’s?

Dieses Buch ist eine echte Bereicherung. Von der ersten Seite an, habe ich „die unglaubliche Geschichte des Henry N. Brown“ in mich aufgesogen und bin eingetaucht in die Welt des liebevollen Teddybären. Ich habe mit ihm gelitten, wenn er von lieben Menschen getrennt wurde, war mit ihm zusammen wütend, wenn ihm oder seinen Lieben Ungerechtigkeiten widerfahren sind, bin mit ihm verzweifelt, wenn er dazu verdammt war, sich nicht äußern zu können und habe mich mit ihm gefreut, wenn ihm Gutes widerfahren ist. Dabei

Besonders gut gefallen hat mir die Mischung von Henrys Erzählungen und Beobachtungen, von geschichtlichen Ereignissen, die er miterlebt und bewertet und von unterschiedlichen Gesellschaftsschichten und Charakteren, die Henry auf seiner Reise kennenlernt.
Absolute Kaufempfehlung!!

PS: Wer denken sollte, das es sich hierbei um ein Kinderbuch handelt, liegt daneben. Lediglich der Erzähler ist ein Teddybär.

Die unglaubliche Geschichte des Henry N. Brown, Anne Helene Bubenzer
rororo, 480 Seiten, ISBN 978-3499252891, 9,99 €





Rezension: Die Bienenhüterin (von Sue Monkk Kidd)

29 11 2011

gelesen von Michele Reble

Die Bienenhüterin (von Sue Monk Kidd)

Die Bienenhüterin (von Sue Monk Kidd)

Worum geht’s?

Lily führt mit ihren gerade mal 14 Jahren ein hartes Leben. Ihre Mutter starb, als Lily 4 Jahre alt war, ihr Vater ist ein verbitterter, herrischer und gewaltbereiter Farmer und das Leben der 60er Jahre ist für ein Mädchen mit Karriereträumen nicht geeignet. Nach einem der unzähligen Gewaltausbrüche ihres Vaters, beschließt Lily abzuhauen.
Unterschlupf findet sie bei drei Schwestern, die zwar irgendwie verrückt, aber unheimlich liebenswürdig sind und Lily Geborgenheit und Zuflucht bieten. Abseits von all ihren Problemen, kann sie endlich sie selbst sein und lebt ein Leben, dass ihr bisher verwehrt wurde. Doch dann taucht irgendwann ihr Vater auf…

Und, wie war’s?

„Die Bienenhüterin“ hat mich verzaubert und gefesselt. Die Sprache, die Atmosphäre, die Leichtigkeit der Erzählung, die Schwere der Geschichte, das Gefühl der bedingungslosen Liebe… einfach alles. Die Charaktere sind so wunderschön herausgearbeitet und trotz mancher Verrücktheit absolut realistisch.

Neben der eigentlichen Geschichte um Lily spielen die Probleme der 60er Jahre eine große Rolle, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Der Rassenkampf zwischen Weißen und Farbigen und die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau, die das Bild der damaligen Zeit so stark geprägt haben, werden in „Die Bienenhüterin“ gekonnt eingeflochten.

Für mich ist „Die Bienenhüterin“ eine Top-Empfehlung und ein wunderschönes Buch zum Verschenken.

Die Bienenhüterin, Sue Monk Kidd
btb Verlag (Das besondere Taschenbuch), 480 Seiten, 9,99 €, ISBN 3442738873





Rezension: Nemesis (von Philip Roth)

25 10 2011
gehört von Michele Reble

Nemesis (Philipp Roth)

Nemesis (Philip Roth)

Worum geht’s?

Während in Europa der 2. Weltkrieg tobt, scheint die Welt in Newark idyllisch. Es sind Sommerferien und das Wetter verwöhnt die Kinder auf dem Sportplatz mit strahlendem Sonnenschein. Der vor Tatendrang sprühende Sportlehrer Bucky hat seine Berufung gefunden und kümmert sich selbst in den Schulferien aufopferungsvoll um seine Schüler.

Mit dem Ausbruch der Polioepidemie bricht auch die Panik unter den Menschen aus, ist in 1944 weder die Ursache, noch der Krankheitsverlauf oder eine Heilung dieser Krankheit bekannt. Bucky versucht seine Schüler und deren angsterfüllte Eltern zu beruhigen und den Alltag so normal wie möglich weiterzuführen. Doch gegen die Angst der Menschen vor Verlust und Tod ist er machtlos.

Und, wie war’s?

Ich bin etwas unschlüssig darüber, wie ich „Nemesis“ finde. Es gibt einige Aspekte, die mir sehr gut gefallen haben, aber da mich die Handlung im letzten Part so geärgert hat, weil ich Buckys sture, „selbstbestrafende“ Handlung unlogisch und nicht nachvollziehbar finde, bleibt ein negativer Eindruck.

Außer Frage steht, dass Philip Roth sein Handwerk versteht, eine Geschichte mit viel Einfühlungsvermögen, sehr detailiert und präzise zu schildern. Auch sein Protagonist ist wunderbar gezeichnet: ein optimistischer, hilfsbereiter, aber auch ziemlich naiver junger Mann, der an seine Ideale und die Moral glaubt, aber angesichts des herrschenden Leids verzweifelt und sich fragt, wie Gott so etwas nur zulassen kann.

Sehr interessant war für mich der Rückblick auf eine Zeit, in der Polio tatsächlich noch eine lebensbedrohliche Krankheit war, die aus Unwissenheit unter den Menschen so viel Panik verbreitet hat, dass man sogar Mitmenschen aufgrund ihrer Einstellung und Orientierung  der böswilligen Übertragung bezichtigte.

Leselust ist Mitglied im Rezensionsprogramm von audible.de. Ich danke der Audible GmbH für das kostenfreie Hörbuch.

Nemesis, Philip Roth
Hörbuch gelesen von Joachim Schönfeld
Der Hörverlag über audible.de 17,95 €, 6 Stunden 23 min, ISBN 3867177104

Gebundene Ausgabe: Carl Hanser Verlag, 224 Seiten, 18,90 Euro, ISBN 3446236422





Rezension: Tausend strahlende Sonnen (von Khaled Hosseini)

5 01 2011
gelesen von Michele Rassinger
Tausend strahlende Sonnen (Khaled Hosseini)

Tausend strahlende Sonnen (Khaled Hosseini)

„Tausend strahlende Sonnen“ erzählt von dem schweren Schicksal zweier Frauen im zerrütteten Afghanistan der letzten Jahrzehnte. Die unehelich geborene Mariam ist noch ein Kind, als sie mit dem 30 Jahre älteren Raschid verheiratet wird und ins ferne Kabul ziehen muss. Mariams Ehejahre sind geprägt durch das Leid unzähliger Fehlgeburten. Als wäre diese Bürde nicht schon groß genug straft Raschid sie mit seinem unermesslichen Zorn und Willkür.
Zwei Jahrzehnte später tritt Laila in Mariams Leben, die in der Nachbarschaft aufgewachsen ist. Raschid sieht durch Laila nun endlich eine Möglichkeit, einen Nachfolger zu zeugen. Er umwirbt Laila mit süßen Zungen, doch als das Erstgeborene ein Mädchen und kein Junge ist, verändert Raschid sein bis dahin liebliches Wesen und zeigt auch Laila sein wahres Gesicht.

Und, wie war’s?

Khaled Hosseinis besondere Art zu schreiben und den Leser zu fesseln, habe ich schon in „Drachenläufer“ kennengelernt. Sein Talent hat er mit „Tausend strahlende Sonnen“ einmal mehr bewiesen. Es fiel mir schwer, das Buch überhaupt nur aus der Hand zu legen.

Ein weiterer Grund dafür ist sicherlich auch das sehr bewegende Familiendrama, dass Hosseini gespickt mit politischen Hintergrundinformationen erzählt. Sehr einfühlsam und authentisch schildert er die Gefühle der mutigen Protagonistinnen, die gestärkt durch ihre enge Freundschaft extreme Willensstärke und Überlebensdrang in einer Welt voll männlicher Brutalität und frauenfeindlichen Gesetzen beweisen.

Mich hat die Geschichte um Mariam und Laila wirklich sehr berührt. Mehrfach musste ich mir bewusst machen, dass die geschilderten Grausamkeiten in unserer Zeit passieren und nicht 100 Jahre zurück liegen. Während des Lesens empfand ich sogar eine gewisse „Dankbarkeit“, in der westlichen Welt aufgewachsenen zu sein, weil es mir einfach unvorstellbar schien, was afgahnische Frauen über sich ergehen lassen müssen.

Trotz oder gerade weil das Schicksal dieser beiden Frauen so sehr bewegt und aufrüttelt, würde ich dieses Buch jedem uneingeschränkt empfehlen.

Tausend strahlende Sonnen, Khaled Hosseini
384 Seiten, Bvt Berliner Taschenbuch Verlag, 10,90 €, ISBN 3833305894





Rezension: Wunschloses Unglück (von Peter Handke)

8 04 2010

gelesen von Michele Rassinger

Wunschloses Unglück (Peter Handke)

Wunschloses Unglück (Peter Handke)

Worum geht’s?

Den Selbstmord seiner Mutter nimmt Peter Handke als Anlass, über ihr Leben zu schreiben. Er schildert dem Leser, aus welch  einfachen Verhältnissen sie stammt und dass dem Zeitgeist der 40er und 50er Jahre entsprechend ihr Lebenszweck bereits vorherbestimmt war: fürsorgliche Mutter, pflichterfüllende Hausfrau und fügsame Ehefrau. Lebenslust gepaart mit eigenem Wille, eigenen Interessen, Individualität im Allgemeinen hatten da einfach keinen Platz.
Ihre immer wieder aufkeimende innere Rebellion und die darauffolgenden Enttäuschungen bereiten ihr letztlich starke körperliche Schmerzen. Das Ende ihres Leids und damit die langersehnte Befreiung sieht sie schließlich nur noch im Suizid.

Und, wie war’s?

„Wunschloses Unglück“ hatte ich durch Zufall in einer Kiste mit Schulbüchern entdeckt und konnte mich absolut nicht daran erinnern, dieses Buch jemals gelesen zu haben. Meine Neugier war geweckt. Allzu schnell wurde mir wieder bewusst, warum ich  die meisten Schulbücher nicht vor dem Schlafengehen lesen konnte: Sie sind alles andere als leichte Kost. So auch dieses Werk von Peter Handke.

Die Erzählweise ist kalt, distanziert und absolut sachlich. Die Sprache wirkt hart und ungelenk. Handke ist krampfhaft darauf bedacht, seine eigene Geschichte nicht mit in die Erzählung einfließen zu lassen, sondern wirklich nur das Leben seiner Mutter zu schildern. Das machte es für mich aber sehr unnahbar und nüchtern und berühte mich in keinster Weise.

Man kann sicherlich einiges in diese Geschichte hineininterpretieren und versuchen, Mitleid für Handkes Mutter zu finden, die nie die sein durfte, die sie sein wollte und daran letztlich zerbracht. Oder auch für Handke selbst, der einerseits mit dem Selbstmord seiner Mutter nicht klar kam und offensichtlich große Schuldgefühle haben musste, nicht mehr für seine Mutter dagewesen zu sein. Aber das alles bewirkt nicht die Erzählung, sondern ein krampfhafter Versuch, etwas Gefühl daraus zu ziehen.

Wunschloses Unglück, Peter Handke
89 Seiten, Suhrkamp, 6,50 €, ISBN 3518397877